«Der Anfang»
von Kurt Schlichting (ehem. Schulleiter der Emil-Nolde-Schule)
(aus der Festschrift zum 20-jährigen Bestehen des KGB)



Schon während des letzten Krieges wuchs die Einwohnerzahl Bargteheides und seiner Umgebung durch Ausgebombte aus Hamburg und die ersten Flüchtlinge aus dem deutschen Osten. Diese Entwicklung verstärkte sich gegen Kriegsende noch erheblich. Damit änderte sich rasch die Bevölkerungsstruktur ds alten Bauern-, Handwerker- und Marktdorfes. Das wirkte sich auch auf die Schülerschaft aus. Um den vielen hiesigen Schülern und Schülerinnen, die täglich nach Bad Oldesloe oder Ahrensburg zum Besuch der dortigen Gymnasien fahren mussten, künftig die damit verbundenen Strapazen zu ersparen, bat ich als Leiter der größten örtlichen Schule den ersten hauptamtlichen Bürgermeister Bargteheides, Dr. Enno Wilckens, 1959 oder 1960, er möge sich doch wenigstens um den Bau eines Progymnasiums in Bargteheide bemühen.
Indes schwollen in den folgenden Jahren die Schülerzahlen aus Bargteheide und seiner großen Umgebung in den benachbarten Gymnasien so sehr an, dass eine Entlastung dieser Lehranstalten von Auswärtigen dringend nötig wurde.


Im Jahre 1972 war es dann soweit, dass Bargteheide ein Vollgymnasium bekommen sollte, und zwar zunächst als Außenstelle der Stormarnschule Ahrensburg, beginnend mit drei 5. Klassen.
Da der Neubau des Bargteheider Gymnasiums noch nicht bezugsfertig war, mussten die gymnasialen Anfangsklassen zunächst bei der Emil-Nolde-Schule zu Gast sein.
Worüber ich mich noch heute wundere ist die Tatsache, dass diese "Einquartierung" völlig unbürokratisch - ohne sog. Papierkrieg - vor sich ging; sie musste auch relativ schnell vonstatten gehen.

Es wäre nun möglich gewesen, die neuen Gymnasialklassen im Altschulgebäude, Alte Landstr. 53, unterzubringen. Das hätte aber für diese große Nachteile gehabt, vor allem auch, weil dort das Diensttelefon meistens personell nicht besetzt war; auf die Benutzung des Fernsprechers waren die Lehrkräfte bei ihrem Hin- und Herpendeln zwischen Ahrensburg und Bargteheide oft angewiesen.
Ohne Rückendeckung durch Elternbeirat, Lehrerkollegium und Stadtverwaltung habe ich dann als Schulleiter kurzerhand den neuen Gymnasialklassen die vordere "Scheibe" des Hauptgebäudes der Emil-Nolde-Schule abgetreten. Nun hatten sie ein eigenes Treppenhaus zur Verfügung und die Lehrer ein kleines Lehrerzimmer. Das Geschäftszimmer der Emil-Nolde-Schule in der Nähe war ständig besetzt. Das Telefon konnte auch zum Hausmeister umgeschaltet werden. Alle Lehrmittel der Emil-Nolde-Schule konnten von den Gymnasiallehrern mitbenutzt werden. In den Mittagsstunden übernahmen diese nach Plan auch die Hofaufsicht. Probleme mit den Schülern beider Schulen gab es dabei nicht.

Mit den Gymnasiallehrkräften gab es manch fruchtbares Pausengespräch. So habe ich dabei von der Biologielehrerin gelernt, wie beim Menschen die Sperre zwischen Speiseröhre und Kehlkopf funktioniert. An Herrn Eck, der auf Befragen erlärte, er sei waschechter Sachse, habe ich bewundert, dass man das an seiner Sprache heute nicht merken könne; er gab dann eine Probe auf sächsisch, so unverfälscht, wie es nur ein "Eingeborener" tun kann.

Ein Gymnasiallehrer, der bisher vorzugsweise Abiturklassen unterrichtet hatte, beklagte sich bei mir einmal, die vor ihm sitzenden Fünftklässler könnten partout nicht begreifen, was "Gesichtspunkte" bedeutet. Mein ihn verblüffende Antwort war: "Gesichtspunkte, das sind doch für diese jungen Kinder Sommersprossen."

Rückblickend kann man heute feststellen, dass diese "Symbiose" zwischen zwei verschiedenen Schulen ausgezeichnet geklappt hat. Es gab keinerlei Pannen.

Als eines Nachmittags neue Schulmöbel angeliefert wurden, war nach einem Anruf bei Herrn Eck in seiner Privatwohnung in Ammersbek dieser in 10 Minuten zur Stelle und half beim Abladen der Stühle und Tische.

Nach dem Ende der Interimszeit, als alle Gymnasiasten in ihren Neubau einziehen konnten, wurde ein beschwingtes Abaschiedsfest von Lehrern beider Schulen mit Ehefrauen im Mehrzweckraum der Emil-Nolde-Schule veranstaltet.
Zur Abschiedsfete: Es wurde dort ein schmissiges Couplet gesungen oder gesprochen, ich glaube von Helle Diekow. Es reimte sich dort "die Holde" auf "Emil-Nolde". Wer hatte dieses verfasst bzw. gibt es das heute noch? Auch Frau Dr. Stangenberg, die gut reimen kann, käme in Frage.

Von der "alten" Crew bei uns sind ja schon einige abgetreten, einer (Eck) die Treppe raufgefallen. So schnelllebig ist die Zeit. Damals konnte man noch schnell entscheiden in der Schule als Chef - heute können Konferenzen, Elternbeiräte und städtische "Gremien" Stolpersteine legen, obwohl pädagogische Fragen meistens individuellen Charakter haben.

Mit diesem "philosophischen" Ausblick schließt der alte Schlichting (81).
Kurt Schlichting, 31.3.1992


Klassenfotos aus dieser Zeit: Sexta F, Sexta G, Sexta H



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